Wiederherstellung als Gemeinschaftsprojekt
Bei World Vision verfolgen wir einen integrativeren und gemeinschaftsgeführten Ansatz für die Wiederherstellung von Landschaft und Nahrungsmittelsystemen. Wir sind der Meinung, dass dieses Engagement stärker durch Gemeinschaften geführt werden sollte, um ein diverseres Bild der Gesellschaft repräsentieren zu können - Menschen mit Behinderungen eingeschlossen. Um diesen Ansatz voranzubringen, haben wir einen Leitfaden mit dem Titel „Growing Disability Inclusiveness in Agriculture“ entwickelt.

Wofür setzt sich World Vision derzeit ein?
Wir setzen uns für eine Veränderung der Art und Weise, wie Landwirtschafts-, Umwelt- und Klimaprogramme gestaltet werden, ein. Dabei distanzieren wir uns von Top-Down-Programmen, die Wiederherstellungsmaßnahmen in der Landwirtschaft selektiv fördern. Ziel ist es, dass die Projekte stärker durch die Gemeinschaft geformt werden und dass die Stimmen von Frauen, Menschen mit Behinderungen, jungen Menschen und anderen Randgruppen während des gesamten Projektzyklus und bereits während der Planung berücksichtigt werden. Der von uns entwickelte Regreening Communities-Ansatz stellt sicher, dass die Gemeinden in Zukunft ihre eigenen Visionen und Ziele für die Gestaltung ihrer Umwelt entwickeln und dass sie gemeinsam die richtigen Lösungen zur Erreichung dieser Ziele finden. Das bedeutet, dass Menschen mit Behinderungen sich für ihre Belange einsetzen und mitbestimmen können, ob eine Wiederherstellungsmaßnahme oder eine landwirtschaftliche Praktik für sie geeignet ist oder nicht.
Was fehlt aus eurer Sicht, um die Bedingungen für Menschen mit Behinderungen in landwirtschaftlichen Lieferketten zu verbessern?
Wir wissen, dass Stigmatisierung und Diskriminierung immer noch große Faktoren für den Ausschluss von Menschen mit Behinderungen aus landwirtschaftlichen Versorgungsketten darstellen.
Dazu gehören unter anderem die Barrieren bezogen auf die Möglichkeit, Land zu besitzen, den Zugang zu Märkten, um seine Produkte zu verkaufen, oder die Teilhabe an kooperativen Gemeinschaftsstrukturen. Viele unserer Projekte verfolgen einen zweigleisigen Ansatz, der darauf abzielt, die Stigmatisierung von Menschen mit Behinderungen zu überwinden und ihnen Mobilitätshilfen zur Verfügung zu stellen, damit sie an den Treffen der Gemeinschaft teilnehmen können.
Bei der Erstellung unseres Leitfadens haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich viele Organisationen bereits mit der Erforschung neuer Methoden befassen, um eine landwirtschaftliche Intervention inklusiver oder zugänglicher zu gestalten. Viele dieser Erkenntnisse sind allerdings noch nicht weit verbreitet. Das kann an der Größe der Organisation liegen oder daran, dass es kein Budget für die Übersetzung oder Überprüfung ihrer Methoden gibt. Wir sind der Meinung, dass ein regerer Wissensaustausch stattfinden muss, damit diese innovativen Methoden mehr Menschen erreichen können.

Beispiele für Basisinitiativen, die World Vision unterstützt.
Auf den Salomonen gibt es ein kleines Projekt zur Wiederherstellung von Mangrovenwäldern, das wir unterstützen. In Projekt engagieren sie mehrere Mitglieder mit Behinderungen. Einer von ihnen ist Ben. Seit Jahren beobachtet er die Erosion der Küstenlinie, den Anstieg des Meeresspiegels und den Rückgang der lokalen Artenvielfalt. Beunruhigt von diesen Veränderungen, begann Ben sich zu fragen, wie er und seine Gemeinde diese Herausforderungen wirksam bekämpfen könnten. Voller Entschlossenheit machte er sich auf den Weg, um mögliche Lösungsansätze zu erforschen, die zur Wiederherstellung der Umwelt und der Resilienz gegen den Klimawandel beitragen könnten.
Ben und seine Gruppe begannen ihre Arbeit vor etwa vier Jahren mit begrenzten Mitteln und ohne jegliche Unterstützung von Organisationen oder der lokalen Regierung. Im Jahr 2023 unterstützte World Vision das Projekt mit barrierefreien Schulungen. Mit der Unterstützung von World Vision erhielten Ben und seine Kolleg*innen so Zugang zu zahlreichen Schulungen in den Bereichen Mangrovenwiederherstellung, Naturschutz und verwandten Bereichen. Zusätzlich erhielten sie die für ihre Arbeit notwendigen Ressourcen. Seitdem hat das Projekt erfolgreich ein großes Gebiet mit neu gepflanzten Mangroven bedeckt.
"Ich wurde eingeladen, in der Gemeinde Loina in der Nähe von Sulagwalu eine Demonstration der Mangrovenpflanzung durchzuführen und einen Vortrag zu halten. Dank des WVSI-Projektteams verfüge ich nun über das Selbstvertrauen und die Fähigkeiten, anderen gefährdeten Gemeinden bei der Nutzung von naturbasierten Lösungen zu helfen. Darauf bin ich sehr stolz – besonders als Mensch, der mit einer Behinderung lebt," sagt Ben.
Detaillierte Einblicke gibt die im Januar 2025 erschienene Fallstudie über die Arbeiten von Ben und seinem Team zur Wiederherstellung der Mangroven auf den Salomon-Inseln.

Wie fördert World Vision die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten?
Ein Bestandteil des Modells "Regreening Communities" ist die Ursachenanalyse, anhand derer die Mitglieder der Gemeinschaft oft dieselben Ursachen für ihre individuellen Probleme erkennen. In Kenia haben wir zum Beispiel festgestellt, dass sowohl Hirt*innen, deren Gras schlecht wächst, als auch Landwirtinnen und Landwirte, die niedrige Ernteerträge verzeichnen, von Vegetationsverlust und Abholzung betroffen sind. Sie sammeln Erkenntnisse darüber, dass unterschiedliche Problemfelder durch dieselbe Ursache bedingt sein können. Die Arbeit an einer gemeinsamen Vision für die Zukunft ist einer der Wege, wie wir die Zusammenarbeit zwischen den Interessengruppen langfristig fördern.